Kann man als Nachwuchsautor direkt mit einer Buchreihe starten oder ist es besser, erst mal einen abgeschlossenen Einzelband zu schreiben?

Das ist eine spannende Frage, die sich nicht mit einem einzigen Satz beantworten lässt. Das Gute und gleichzeitig Schwierige daran ist, dass es kein eindeutiges Richtig oder Falsch bei diesem Thema gibt.

Wer sich einmal die Rezensionen bei den Online-Shops ansieht, merkt schnell: Einzelbände und erste Teile von Buchreihen genießen die meiste Beachtung. Fortsetzungsbände hingegen weisen oftmals weniger Rezensionen und niedrigere Verkaufsränge auf. Tatsächlich berichten viele Verlage davon, dass Fortsetzungen auch in Buchhandlungen seltener gekauft werden. Gleichzeitig müssen Verlage sich für Buchreihen länger an einen Schriftsteller binden und mehr Arbeitsstunden und ein höheres Budget investieren, bis das Projekt vollständig veröffentlicht und vermarktet ist. Auch der Schreiberling geht mit einer Buchreihe ein zusätzliches Risiko ein: Er muss sicherstellen, dass die geplanten Fortsetzungen auch wirklich alle geschrieben werden, damit der Handlungsstrang abgeschlossen wird. Dabei darf zwischen den Veröffentlichungen der einzelnen Bände nicht allzu viel Zeit vergehen, da andererseits der Leser das Interesse bzw. seine Gedanken verlieren könnte.

Doch bedeutet das, dass es definitiv ratsam ist, für sein allererstes Projekt einen Einzelband zu schreiben? Die Antwort darauf lautet: Nein. Denn ein Einzelband macht die (allererste) Verlagszusage nicht zwingend wahrscheinlicher. Entscheidend ist, dass dem Verlag das Gesamtpaket gefällt – eine originelle Idee, eine spannende Handlung, lebendige Figuren, eine klare Zielgruppendefinition, korrekte Orthografie, keine Logikfehler, eine flüssige Schreibe, anständige Formatierung, Authentizität… Das sind alles wichtige Aspekte beim kreativen Schreiben, auf die wir in diesem Blog nach und nach gesondert eingehen wollen.

Fakt ist, dass auch schon bei dem allerersten Projekt eine Buchreihe sinnvoll sein kann. Eine Geschichte, die sich über mehrere Bände erstreckt, ermöglicht allen Beteiligten, sich länger mit denselben Figuren zu beschäftigen. Weder der Autor noch der Leser muss sich von Figuren, die er ins Herz geschlossen hat, schon nach einem Buch wieder verabschieden. Stattdessen bietet die Buchreihe nicht nur mehr Lesestunden, sondern auch ausreichend Platz für detaillierte Beschreibungen, zusätzliche Handlungsstränge und für Stilmittel wie geheimnisvolle Vorblenden. Das kennen wir alles auch von erfolgreichen TV-Serien.

Ob es einem Schriftsteller bei seinem ersten Werk nun leichter fällt, seine Idee auf 300 Seiten oder aber auf beispielsweise 1000 Seiten (dann wohl verteilt auf 3 Bände) umzusetzen, ist dabei eine Typ-Frage. Der eine möchte sich nur auf eine Haupthandlung konzentrieren; der andere holt lieber viel weiter aus. Erlernen lässt sich mit der Zeit beides. Nicht wenige Autoren finden es spannend, beides einmal auszuprobieren und zu meistern. Wichtig ist dabei immer eines: „Du sollst deinen Leser nicht langweilen.“ Wie auch immer der Autor das im Einzelnen anstellt – das ist im Prinzip beim kreativen Schreiben das oberste Gebot.

Fassen wir die Argumentation mal zusammen:

  • Einzelbände und erste Reihen-Teile bekommen bei Lesern die meiste Beachtung
  • Fortsetzungen werden demzufolge seltener gekauft und rezensiert
  • Einzelbände sind für Verlage ein geringeres Einstiegsrisiko
  • Einzelbände können im Nachhinein immer noch fortgesetzt werden
  • Buchreihen dürfen keinen zu langsamen Veröffentlichungszyklus haben
  • Durchgeplante Buchreihen machen aber auch Spaß und lassen mehr Anspielungen, Details, Nebenstränge, Tiefgang und Cliffhanger am Ende zu
  • Buchreihen erlauben Autoren und Lesern, länger in einer Geschichte zu bleiben
  • Für Buchreihen muss nicht ständig alles neu erfunden werden (Figuren, Coverdesign, Stil…)

Schon an dieser Zusammenfassung lässt sich erkennen, dass es sowohl für Einzelbände als auch für Buchreihen Argumente gibt. Ein Punkt sticht dabei als scheinbar genialer Kompromiss heraus: Warum nicht einfach einen Einzelband konzipieren und die Option offenhalten, ob man dazu später nicht doch noch eine Fortsetzung schreibt? Schließlich kann eine Geschichte auch nach einem Happy End theoretisch weitererzählt werden. Tatsächlich gibt es einige Autoren, die diesen Weg gehen. Doch wäre das die ultimative Lösung, würden alle Selfpublisher und alle Verlage so vorgehen. Einige Handlungsstränge und Vor/-Rückblenden lassen sich aber nur in einem bestimmten (kurzen oder langen) Umfang gut unterbringen, der von Anfang an so festgelegt wird – das wissen auch die Verlage. Außerdem hat es durchaus seinen Reiz, einen Band schon mit einem Cliffhanger enden zu lassen, an dem der nächste Teil direkt anknüpft. Hierfür muss schon vorher feststehen, dass es sich um eine Buchreihe handeln wird.

Entscheidend ist also die schon angesprochene Geschmacksfrage: Nicht nur Leser können sich darin unterscheiden, ob sie gerne abgeschlossene Einzelbände lesen oder lieber ganze Buchreihen verschlingen. Auch bei Autoren kann es ganz unterschiedlich sein, was ihnen besser liegt oder worauf sie für ihr erstes Projekt mehr Lust haben. Und sollte der Spaß am individuellen kreativen Schreiben nicht immer das Wichtigste bleiben? … Das ist eine rhetorische Frage, denn die Antwort lautet natürlich: Ja! Jeder Autor sollte nur Geschichten schreiben, bei denen er auch voll und ganz dahintersteht. Dem einen ist es wichtig, möglichst gut zum aktuellen Markt zu passen. Der andere will einfach nur sein Ding machen. Beides sind Ansätze, die nachvollziehbar sind und auch für Großverlage funktionieren können. Aber der Autor ist es, der sich entscheiden muss. Diese Authentizität ist vielleicht das einzige, was Verlage und Leser in allen Fällen von ihren Autoren erwarten. Und nur mit einer solchen Authentizität können wir Autoren die Arbeit auf uns nehmen, ganze Romane zu Papier zu bringen.

Dieser Artikel stammt aus der Feder unseres Wings An Lin. Danke An Lin! ?

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