… ich aus der Sicht mehrerer Figuren schreiben will?

Rein theoretisch gilt bei dieser wie bei jeder anderen Frage rund ums Thema Schreiben der einfache Grundsatz: Erlaubt ist, was gefällt. Ob man eine Geschichte aus der Sicht mehrerer Figuren auktorial, personal oder mit Hilfe der Ich-Perspektive erzählt, hängt größtenteils vom persönlichen Geschmack des Autors ab – und von der Story.

Für mich selbst habe ich festgestellt, dass manche Geschichten nur in einer der Formen gut funktionieren. Und andere wiederum nur, wenn ich die Formen mixe. Für AuthorWing gebe ich einen Überblick über die diversen Formen, ihre Vor- und Nachteile und ihre Anfängerfreundlichkeit.

Dabei kann ich natürlich nur von mir sprechen. Das heißt: Nur weil für mich eine bestimmte Form die Einfachste ist, um eine Geschichte aus mehreren Perspektiven zu erzählen, muss das nicht auch für euch gelten. Aber vielleicht hilft euch meine Übersicht.

Personaler Erzähler

Beispiel: „Ein Lied von Eis und Feuer“ (George R. R. Martin) 

Zumindest in meinen Augen eine vergleichsweise anfängerfreundliche Erzählform, in der ich zehn Bücher geschrieben habe (von denen eins noch dieses Jahr veröffentlicht wird). Der Autor schlüpft abwechselnd in die Köpfe der verschiedenen Figuren und hat so die Möglichkeit, die Geschichte von mehreren Seiten zu beleuchten. Durch geschickt gesetzte Perspektivwechsel können so Cliffhanger eingebaut werden.

Der Autor hält sich dabei zurück und kommentiert das Geschehen nicht. Schließlich sehen wir die Welt durch die Augen der Protagonisten, nicht durch die des Autors. Der Erzähler bleibt also unsichtbar.

Vorteile
Man kann die Spannung bis ins Unendliche treiben, indem man die Perspektivwechsel bewusst nutzt, um beispielsweise das Schicksal einer in Lebensgefahr schwebenden Person möglichst lange offen zu lassen. Da man die Handlung jeweils durch die Augen des jeweiligen Perspektivträgers sieht, können auf diese Weise die Ansichten des Perspektivträgers wunderbar transportiert werden – das kann einen besonderen Reiz haben, wenn der Perspektivträger von zweifelhafter Moral ist oder man aus der vorigen Perspektive genau weiß, dass er die falschen Schlüsse zieht.

Nachteile
Da man ausschließlich durch seine Figuren spricht, kann man natürlich als Autor nur einen Bruchteil des „Autorenwissens“ auch einbringen. Auch sonst muss hier permanent darauf geachtet werden, was eine Figur überhaupt wissen kann und was nicht. Es wäre doch seltsam, wenn alle Figuren auf dem gleichen Wissensstand sind, obwohl sie einander nie begegnen. Außerdem kann man nicht mal eben schreiben „Aber niemand wusste, dass dreitausend Kilometer entfernt auf Berg soundso dies und das geschah“ – denn wenn man keine Figur auf diesem Berg hat, die dies mit ansieht, kann man es auch nicht schildern. Somit erfordert die personelle Erzählweise, dass der Autor immer einen Überblick darüber hat, wo seine Figuren gerade sind und was sie wissen.

Fazit
Eine – zumindest in meinen Augen – recht anfängerfreundliche Form, mehrere Perspektiven zu schreiben. Mit einigen Fallstricken, was das Trennen von Autorenwissen und Figurenwissen angeht und mit einem gewissen Organisationsaufwand verbunden.

Auktorialer Erzähler

Beispiel: Stephen Kings „Die Arena“ (Under the Dome) 

Die auktoriale Erzählform ist ein wenig in Verruf geraten. Die Meisten kennen sie aus der Lektüre leicht angestaubt wirkender Klassiker der Weltliteratur; vorrangig aus dem späten neunzehnten und frühem zwanzigsten Jahrhundert und hat den Ruf, belehrend und moralisierend zu sein.

Schade eigentlich, denn wenn man es richtig macht, kann man aus der auktorialen Erzählform viel herausholen. Ich selbst habe diese Form für eine dystopische Novelle getestet und es hat perfekt gepasst.

Bei der auktorialen Erzählform kreist der Autor mit einem Hubschrauber über die ganze Szenerie des Romans und kann nach Gutdünken kurz in den Kopf des einen oder anderen Akteurs des Romans eintauchen und dann wieder zum nächsten fliegen. Der Autor weiß jederzeit, wem was wann durch den Kopf geht und was wo passiert. Egal, ob ein Charakter anwesend ist um es zu erzählen oder nicht. Meisterlich umgesetzt findet es sich beispielsweise im oben genannten Roman von Stephen King.

Vorteile
Der Autor muss sich nicht auf ein gewisses Figureninventar festlegen. Jede Figur kann für einige Absätze die Perspektive tragen. Außerdem kann der allwissende Erzähler hier mit Rückblenden und Vorausdeutungen spielen („Noch ahnte Paula nicht, dass sie ihre Garage nie mehr wiedersehen würde“), Situationen durch die eigene Erzählweise ironisch brechen oder andere narrative (narrativ = erzählend) Tricks einbauen.

Nachteile
Aus großer Macht folgt große Verantwortung. Der Autor kann in einer auktorialen Erzählsituation alles erzählen und alles kommentieren – und schon ist die Gefahr groß, dass dieses „alles“ etwas zu wörtlich genommen wird. Die Folge ist naturgemäß dann großes Geschwafel. Da verlangt es Selbstdisziplin, um nicht alles zu erzählen, nur weil man es mit der gewählten Erzählform theoretisch könnte. Außerdem sollte man aufpassen, dass man dabei nicht zu sehr belehrend oder erklärend schreibt.

Fazit
Eine Erzählform, die zwar auf den ersten Blick geradezu für das Schreiben von Romanen mit vielen Perspektivträgern gemacht zu sein scheint, auf den zweiten Blick jedoch viele Fallstricke beinhaltet.

Der Ich-Erzähler

Beispiel: Samuel Richardsons „Clarissa. Die Geschichte eines vornehmen Frauenzimmers“

Ein Ich-Erzähler bei mehreren Hauptfiguren ist in der Regel anstrengend. Der Ich-Erzähler baut darauf auf, dass der Leser sich voll und ganz in den Protagonisten hineinversetzen kann. Bei mehreren Ich-Erzählern wird das irgendwann mühsam, denn man muss sich dann nacheinander mit jeder einzelnen Figur identifizieren. Durch die Unmittelbarkeit der Ich-Form ist das intensiver, als beim personalen Erzähler.

Es gibt jedoch Genres, die nur auf diese Weise funktionieren – und das sind Brief-, E-Mail- und Chatromane. Im oben genannten Beispiel schreiben sich hauptsächlich jeweils Clarissa Harlowe (Protagonistin) und ihre beste Freundin Anne Howe, sowie Robert Lovelace (der Antagonist) und dessen bester Freund John Belford. Es gibt jedoch auch andere Briefpartner.

Auch diese Form gilt im Prinzip als „außer Mode gekommen“, auch wenn das Interesse an ihr gerade in Form von Chatromanen immer wieder aufflammt, sollte aber der Vollständigkeit halber erwähnt werden.

Vorteile
Man ist näher an seinen Protagonisten dran, als in einer personellen Erzählung. Das gibt Gedanken, Gefühlen und Wahrnehmungen des Einzelnen mehr Raum.

Nachteile
Es kann auf Dauer ermüdend zu lesen sein. Und ähnlich wie der auktoriale Stil, lädt auch die Ich-Perspektive zum Schwafeln ein, wenn der Perspektivträger wirklich alles sagen/schreiben darf, was in seinem fiktiven Köpfchen vorgeht.

Fazit
Eher eine Nischenform und nur mit Einschränkungen nutzbar, aber in schreibkundigen Händen genauso unterhaltsam, wie jede andere Form auch.

Mischformen

Natürlich kann man die Formen auch mischen. Ein Beispiel dafür ist Bram Stokers „Dracula“ – wir haben Tagebuchausschnitte, Briefe, Dokumente und die Mitschriften der Sitzungen durch Van Helsing.

Oder man nehme den „Hauptprotagonisten“ und schreibe dessen Geschichte in der Ich-Form, die aller anderen Perspektivträger jedoch in der personellen Form.

Der Fantasie sind hier keine Grenzen gesetzt ;-).

Ich hoffe, ihr fühlt euch nun besser informiert. Viel Spaß beim Ausprobieren der Erzählformen und viel Erfolg!

Dieser Artikel stammt aus der Feder unseres Wings Katherina Ushachov. Danke Katherina! ?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*