Wer mit dem Schreiben eines Buches anfängt, stolpert früher oder später über die Frage, wie lang ein Kapitel sein soll. Auch ich habe mich damals durch unzählige Google Suchtreffer gewühlt und bekam meistens nur die unbefriedigende Aussage: „Das  musst du nach Gefühl entscheiden“.

Also habe ich mir ein paar Bücher geschnappt, um herauszufinden, ob es Gemeinsamkeiten gibt. Manche Kapitel waren 2 Seiten lang, manche 25 und dann gibt es Kapitel, die haben eine Überschrift, eine leere Seite und sind dann zu Ende (in diesem Fall war es aber ein aussagekräftiges Stilmittel). Keine Gemeinsamkeiten. Also wurde wohl doch nach Gefühl entschieden.

Wie lang ist denn aber nun so ein „Kapitel nach Gefühl“?

Das Problem mit Gefühlen ist, dass du sie nicht beziffern kannst. Wenn du so tickst wie ich, möchtest du aber eine Zahl haben, an der du dich zumindest orientieren kannst.

2.500

Das ist die Zahl, auf die ich irgendwann gestoßen bin und als ersten Orientierungspunkt benutzt habe. Ich achtete einfach darauf, dass ein Kapitel immer um die 2.000 – 2.500 Wörter hat. Manchmal waren es ein paar weniger, manchmal einige mehr.

Inzwischen habe auch ich „im Gefühl“, wann ein Kapitel beendet ist, aber mich zu Anfang an dieser Zahl orientieren zu können, hat mir persönlich sehr geholfen.

Falls du nicht unbedingt eine Zahl brauchst, sondern eher inhaltliche Anhaltspunkte, habe ich hier noch eine Liste mit weiteren Orientierungsmöglichkeiten:

  • wenn ein Ortswechsel stattfindet
  • wenn ein Cliffhanger geschrieben wurde
  • wenn die Sichtweise des Erzählers wechselt
  • wenn eine Szene endet

Wie du siehst, gibt es mehrere Möglichkeiten, die Länge deines Kapitels zu bestimmen. Mit steigender Erfahrung wirst auch du mit der Zeit ein „Gefühl“ dafür bekommen, wann du ein Kapitel beendest. Bis dahin kannst du dich an den vorgeschlagenen Richtwerten orientieren und für dich selbst austesten, was dir davon zusagt und was nicht.

Hast du noch andere Orientierungspunkte für dich, oder schreibst du bereits nach Gefühl? Wie waren deine ersten Erfahrungen mit der Länge von Kapiteln – oder hast du dir darüber nie Gedanken gemacht, sondern die Kapitellänge schon immer „frei Schnauze“ bestimmt?

Lass es uns in den Kommentaren wissen! 🙂 

Dieser Artikel stammt aus der Feder unseres Wings Ally J. Stone. ?

 

12 Gedanken zu “Wie lang ist ein Kapitel?”

  • Mhm, wenn ich Deinen Beitrag hier so lese, sollte ich vielleicht anfangen, mir noch mal Gedanken zu einigen meiner Kapitel zu machen *schmunzel* Zwar beende ich meine Kapitel mit Ortswechsel, Szenenende oder Cliffhanger – aber bei nem Perspektivwechsel nun so überhaupt nicht. Daraus resultiert vermutlich auch die Tatsache, das jedes meiner Kapitel locker 3.800 bis 5.900 Wörter hat 🙂

    • Das sind auch alles nur Anhaltspunkte, an denen man sich orientieren kann. *g*
      Ich selbst beende auch nicht bei jedem Szenenende oder beim Perspektivenwechsel. Wenn es „nach Gefühl“ (xD) noch zum Kapitel gehört, dann kommt ein Absatz, den ich durch *** trenne und dann gehts weiter. Kapitel zwischen 4.000 und 6.000 Worten hatte ich auch schon dabei – aber das ist eher selten. Inzwischen nutze ich die Zahl noch als groben Richtwert, falls ein Kapitel für mich ZU kurz ist, z.B. um die 800 Wörter. Das ist mir für meinen Geschmack zu kurz und dann überlege ich mir, wie ich da nachbessern kann.

  • Ich wechsle die Kapitel immer dann, wenn eine Perspektive wechselt. Und so habe ich Kapitel mit 200 Wörtern und Kapitel mit 7000 Wörtern im selben Roman…
    Ich fände es unsinnig, die kurzen Kapitel in die Länge zu ziehen, damit es gleichmäßiger wird.

  • Bei mir kommt das von selbst, komischerweise ist eine Schreibsitzung meist genauso lang wie ein „gefühltes“ Kapitel. Jedes hat seine eigene kleine „Heldenreise“ mit Anfang, Höhepunkt und Abspann. Wie viele Wörter das sind, ist unterschiedlich, ich orientiere mich wohl eher am Ende einer Szene bzw. am Perspektivwechsel. Und ohne drüber nachzudenken haben meine Bücher alle um die 45-50 Kapitel bei insgesamt ca. 400-450 Seiten.

  • Hallo Ally,

    ich behandle Kapitel wie Shortstorys: Wenn ein Teilproblem abgehandelt worden ist, ist für mich auch das Kapitel zu Ende.

    Die kleinste Einheit eines Textes, die für sich alleine stehen kann, ist für mich eine Szene. Diese behandelt einen einzigen Konflikt, sehr eng gefasst, z.B. eine Meinungsverschiedenheit zwischen zwei Beteiligten, und ist vorbei, sobald sich der Ort des Geschehens ändert (außer es handelt sich um eine Transitszene, wo die Beteiligten von A nach B unterwegs sind), die Zeit des Geschehens, der Konflikt (!) oder POV(!).

    Eine Szene kann also ein Kapitel sein. Oder auch nicht, wenn dieser kleine Konflikt zwar zu Ende ist, jedoch die Auswirkung auf den Protagonisten und somit auf den Ausgang der gesamten Geschichte noch nicht sichtbar ist. Dieser eine kleine Konflikt hat vielleicht ein Umdenken des Protagonisten angestoßen, jedoch hat unser Protagonist noch nicht eine Entscheidung getroffen, die den Ablauf der Ereignisse beeinflussen würde. Das geschieht vielleicht erst in der nächsten oder sogar übernächsten Szene. Erst dann ist für mich dieses Kapitel zu Ende.

    Erst wenn ich ein Kapitel aus einem Buch herausnehmen kann, es an meine Leser weiter geben kann und sie nach der Lektüre eine Ahnung davon haben, worum es ging und vor allem wohin es ging, erst dann ist das für mich ein Kapitel.

    Im Beispiel: Unser Protagonist P befindet sich in seinem Büro. Anwesend sind außerdem A und B. A versucht P von etwas zu überzeugen, was P aber ablehnt. Am Ende verlässt A wütend das Büro. Der Konflikt P vs A abgeschlossen. Ende der Szene.

    Nun fängt B an, P mit seinen Ideen zu belästigen. P widersetzt sich. B verlässt das Büro. Der Konflikt P vs B abgeschlossen. Ende der Szene.

    P ist gereizt, ärgert sich über seine beiden Kollegen, denkt über die Gespräche nach, kühlt ab, sieht ein, dass es gar nicht seine Kollegen waren, die ihn so verärgert haben, sondern die Tatsache, dass sie ihn unbewusst auf ein Problem erinnerten, das er schon lange vor sich her schob und unwillig war, es aus der Welt zu schaffen. Soll er zu seinen Überzeugungen stehen und alle brüskieren, vielleicht sogar seine Zukunftsaussichten verbauen, oder soll er seiner Karriere zuliebe nachgeben und sein Leben lang sich dafür verachten, seine Prinzipien mit den Füßen getreten haben? Egal was er tut, es wird weh tun. Nach und nach reift in ihm der Entschluss… Der Konflikt P vs P abgeschlossen. Ende der Szene.

    Die drei Szenen des Kapitels zusammen genommen haben den Ausgang der gesamten Geschichte beeinflusst. Alle drei Teilkonflikte (P vs A, P vs B, P vs P) waren notwendig, um das Umdenken des Protagonisten herbeizuführen. Fehlt eine der Szenen, erscheint die Auflösung der dritten Szene wie aus der Luft gegriffen und somit unglaubwürdig. Der Leser hat das Gefühl, ihm würde etwas fehlen, als hätte er etwas verpasst. Kapitel zu Ende.

    Zugegeben, das ist meine eigene Definition eines Kapitels. Denn irgendwie scheint es eh jeder so zu tun, wie es ihm beliebt. Jedenfalls habe ich noch nirgendwo anders eine einigermaßen schlüssige Kapitel-Definition gefunden, zumindest keine so schlüssige wie z.B. die einer Szene.

    Außerdem ergibt sich für mich diese Struktur aus meinem Entwurfsprozess: Die einzelnen Punkte in meinem Outline zerfallen automatisch in mehr oder weniger zusammengehörende Szenen, sobald ich mit dem Feinentwurf anfange. Das passiert immer dann, wenn ich das Teilproblem aus unterschiedlichen Sichtweisen beleuchten möchte. Unterschiedliche Sichtweise bedeutet unterschiedliche POV bedeutet unterschiedliche Szenen. Doch für einen Kapitelschnitt reicht das nicht, denn sie behandeln alle dasselbe Problem.

    Was die Wortanzahl angeht, darauf achte ich wenig. Um die Länge zu schätze, gehe ich lieber nach der Anzahl der Szenen, nicht der Kapitel.

    • Hallo Mira, wow, lieben Dank für deinen ausführlichen Kommentar! Deine Vorgehensweise ist nachvollziehbar und toll ausgearbeitet – danke, dass du das mit uns teilst! 🙂

      Eine Frage hätte ich noch dazu: Nicht jede Figur ist gut in Selbstreflexion und manchmal dauert es, bis der Held sich verändert. Einige Figuren brauchen für ihren Wandlungsprozess und die Einsicht auch schon mal das ganze Buch. Wie gehst du in dem Fall damit um? Denn dann fehlt dir ja die Lösung des letzten Konflikts für das Ende des Kapitels. Ich würde es an dieser Stelle zum Beispiel so lösen, dass P verärgert darüber nachdenkt, wie A und B auf ihn eingedrungen sind und sich dann wieder an die Arbeit macht, nach Hause geht, oder eine sonstige Aktion ausführt – die Szene also langsam ausklingen lassen. Dann wäre für mich das Kapitel auch beendet, die Geschichte würde weiter laufen und ich würde den Konflikt zu einem späteren Zeitpunkt wieder aufgreifen, wenn die P Zeit zum Reifen hatte.

      Liebe Grüße, Ally 🙂

      • Hallo Ally,

        das wäre natürlich eine sehr kurze Geschichte, wenn unser Protagonist innerhalb eines Kapitels gewachsen und sein Problem gelöst hätte (ich denke da an: Ich kam, sah und siegte) 😉

        Ich meinte dabei die Auflösung eines Teilproblems des Protagonisten, wobei ich hier eigentlich vom POV sprechen sollte, nicht vom Protagonisten. Denn manchmal ist POV der Szene/des Kapitels ungleich Protagonist. Es kann sich um wichtige Nebencharaktere handeln (Sidekick, Mentor, Antagonist etc). Hauptsache, dieses Teilproblem trägt entscheidend zum Hauptproblem bei (verschlimmert es oder löst es zumindest teilweise auf).

        Im obigen Beispiel ist also der potentielle Karriereknick des Protagonisten gar nicht der Hauptkonflikt der Geschichte. Was ist der Hauptkonflikt? Kommt darauf an.

        Angenommen, es handelt sich um einen Thriller. In diesem Kapitel bekommt unser Protagonist ein verlockendes Angebot: Geld ohne Ende von einer angesehenen Steuerkanzlei/Anwaltskanzlei. Er würde damit die College-Gebühren seiner Kinder bezahlen können (und seine eigenen mit dazu). Dafür muss er seine Ideale aufgeben, die Benachteiligten der Gesellschaft zu verteidigen.

        Wie entscheidet er sich? Für ihn geht es jetzt, in diesem einen Kapitel, nur um die Frage „Verkaufe ich meine Prinzipien für viel Geld oder bleibe ich ein armer Schlucker“? Er hat sich noch gar nicht verändert, ist nicht gewachsen. Wenn, dann sogar eher sich selbst verraten, denn er entscheidet sich fürs Geld. Teilproblem gelöst. Kapitel zu Ende.

        Doch einige Kapitel später kommt er der Firma auf die Schliche („Die Firma“ lässt grüßen). Jetzt ist sein Teilproblem: Wie steige ich am elegantesten aus, damit man mich in Ruhe lässt und nicht tötet? Kapitel zu Ende.

        Noch ein wenig weiter stellt er fest, dass die Firma niemanden ziehen lässt. Jetzt ist sein Teilproblem: Wie überlebe ich das Ganze? Kapitel zu Ende.

        Wohl gemerkt, unser Protagonist ist noch immer nicht über sich gewachsen. Er ist immer noch ein kleiner Mann, der versucht zu überleben.

        Nun erkennt er, dass die Firma ewig so weiter machen wird. Um in Ruhe zu leben aber auch, weil er Schwächeren helfen will, die nach ihm kommen und getötet werden würden, entscheidet er sich schließlich, zu kämpfen (Climax) und zerstört endlich die Firma (Hauptkonflikt aufgelöst). Kapitel zu Ende. Buch zu Ende.

        Ich hoffe, ich habe zeigen können, dass eine Geschichte aus Teilproblemen wie ein Puzzle zusammen gesetzt wird. Und diese kleine Teilprobleme, die vielleicht am Anfang gar nicht als zielführend erkennbar sind, werden in einem Kapitel gelöst.

        Es geht also immer um Teilprobleme, die den Hauptkonflikt irgendwie beeinflussen, weil sie den geistigen/emotionalen/physischen Zustand des Protagonisten oder seiner wichtigen Nebencharaktere beeinflussen. Es müssen auch keine weltbewegende Probleme sein. Sie müssen nur eine Änderung des aktuellen Zustandes herbeiführen. Was wäre es sonst für eine Geschichte, wenn am Ende dasselbe rauskommt wie am Anfang? Ok, es gibt solche Geschichten, wo ein (meistens) Versager an einem Baumstumpf am Flussufer hockt und über sein missratenes Leben sinniert. Haben mir nie gefallen, solche Geschichten.

        Nebenbei, wenn man den Protagonisten zwar eine Entscheidung treffen lässt, diese aber dem Leser am Ende des Kapitels nicht mitteilt, hat man einen Cliffhanger. Geht zwar nicht immer, aber immer mal wieder. Manchmal erzeugt man sogar eher Spannung, wenn man eben dem Leser mitteilt, wie sich der Protagonist entschieden hat. Und da der Leser an dieser Stelle mehr weiß, als unser Protagonist (weil er im Gegensatz zu diesem auch die Seitenstränge kennt), ahnt er bereits, was für Probleme auf diesen zukommen werden.

  • Hallo, erst einmal vielen Dank für die Vorschläge. Ich habe bereits einige Geschichten geschrieben und Kapitel immer „frei Schnauze“ gesetzt. Meistens nach einem Wechsel. Ich habe jetzt lange pausiert und fange gerade damit an, meine alten Sachen zu sortieren und zu sichten. Vielleicht ist einiges noch brauchbar. Also meine Kapitel tragen mal Überschrift und mal nicht. Sie Enden nach einer Szene oder bei einem Wechsel der Perspektive. Ich werde die Wörter mal zählen und schauen, ob das bei mir so ungefähr auch hinkommt.
    Liebe Grüße Rosa-Margit

    • Hallo Rosa-Margit,

      die Zahl ist wie gesagt auch keine fest vorgeschriebene oder „richtige“ Zahl. Sie ist nur für mich ein gutes Mittelmaß, wenn man etwas braucht, an dem man sich zu Beginn orientieren kann und mir hat das damals sehr geholfen. Inzwischen gleichen meine Kapitel dieser Zahl schon lange nicht mehr, es ist selten weniger und meistens mehr. 🙂

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